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Reines Hörglück
Emma Kirkby und das casalQuartett in Rapperswil
Feste soll man feiern, wie sie fallen. Vor zwei Wochen, am 4. Januar,
jährte sich der Geburtstag von Giovanni Battista Pergolesi zum 300.
Mal. Bevor der Komponist kaum 26-jährig starb, hat er der Nachwelt
eine der schönsten Vokalkompositionen des Spätbarocks hinterlassen.
Im Grossen Rittersaal auf Schloss Rapperswil klang sein «Stabat
mater» jedoch ungewohnt deutsch. Was heute verpönt ist - Vokalmusik
in einer anderen als der Originalsprache zu singen -, hat hier einen prominenten
Urheber. Johann Sebastian Bach selbst hat Pergolesis Werk mit den Worten
des Psalms 51 in der LutherÜbersetzung unterlegt.
Inspiriertes Ensemble
Doch nicht philologische Details machten die Aufführung von «Tilge,
Höchster, meine Sünde», wie das Werk nun heisst, zum Ereignis,
sondern ein inspiriertes Ensemble - und ein Stargast, der Interpretationsgeschichte
geschrieben hat: Emma Kirkby, die Grande Dame des Renaissance- und Barockgesangs,
zeichnet mit ihrem instrumental geführten Sopran die Linien immer noch
perfekt. Das vermeintlich seelenlose Singen ohne Vibrato rührt unmittelbar
ans Herz, denn durch die schlackenlose Stimmgebung entfalten die Vorhaltsdissonanzen
zwischen ihr und dem Altus Robin Blaze ihren ganzen schmerzlich schönen
Reiz.
Lebendiges Wechselspiel
Die solistische Instrumentalbesetzung mit dem casalQuartett - Daria
Zappa und Rachel Späth (Violinen), Markus Fleck (Viola) und Andreas
Fleck (Violoncello) -, verstärkt durch Emanuele Forni (Theorbe),
Jonas Herzog (Orgel) und Božo Paradžik (Kontrabass), erlaubte ein lebendig
artikuliertes Wechselspiel, das bereits vorher in einer animierten Wiedergabe
von Antonio Vivaldis g-Moll-Konzert RV 156 zu schönster Wirkung gekommen
war. Und wenn Blazes Stimme einen Moment lang belegt klang, eine Geigensaite
einmal nicht sofort ansprach und oft nachgestimmt werden musste, zeigte
dies lediglich, wie gefährdet schiere Schönheit ist. Allzu schnell
war diese beglückende Stunde «Musik im Schloss» zu Ende.
Rapperswil, Schloss, Grosser Rittersaal, 17. Januar 2010
© Jürg Huber, NZZ
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